Review in Deutsch
Die meisten Sammler kennen die Boomerangmodelle und jeder der Charlie Musselwhite`s „Ace of harps“ Album kennt, hat zumindest eine der vielen verschiedenen Boomerang Mundharmonikas gesehen. Nun ist es möglich, eine neue Ausfertigung zu bekommen. Aber zuerst ein bisschen geschichtliches ….
C.A.Seydel und Söhne produzieren Mundharmonikas in Sachsen seit Oktober 1847 und sind damit die ältesten Mundharmonikaproduzenten die noch existieren. Nachdem schon in den 1920er Jahren die Carl Essbach Gesellschaft aufgekauft worden ist, wurden sie später mit F.A.Rauner und F.A.Böhm fusioniert, alles bekannte Namen für Mundharmonikasammler. Vor dem Fall der Berliner Mauer wurden sie verstaatlicht. In all den Jahren produzierten sie Mundharmonikas unter den Namen Bandmaster, Clover, Vermona und etwa seit den 1940er Jahren Weltmeister und Bushman.
Unter ihren berühmtesten Modellen rangieren die verschiedenen Boomerangs, die sie für einen australischen Musikhändler, Frank Albert hergestellt haben. Es gab sowohl 5-Kanal Miniharmonikas, als auch diatonische, Tremolos und chromatische Modelle. Einige hatten die Form eines Bumerangs, andere spezielle Deckel und einige waren reguläre Instrumente mit dem Namen „Boomerang“ graviert. Daneben gab es noch andere für den australischen Markt
wie Kia-Ora, Corrobee usw. Vor etlichen Jahren brachte Seydel eine chromatische Boomerang in normaler Form heraus mit Originalprägung der Deckel.
Die bekannteste Boomerang aus allen Serien ist die 12-Kanal diatonische Version, wie im „Ace of Harps“ beschrieben. Es wird eine limitierte Neuauflage von 1000 Stück dieser Mundharmonika geben die von Vintage Harmonica Editions herausgebracht wird. Das wird die erst einer Serie von limitierten Ausgaben berühmter historischer Mundharmonikas sein.
Ich hatte die Ehre ein Musterstück für eine Review zu bekommen und ich muss sagen, ich bin sehr beeindruckt. Es ist eine sehr originalgetreue Reproduktion , erzeugt mit derselben Maschine die die Deckel vor 75 Jahren gepresst hat und derselben Art von Holz für den Kanzellenkorpus. Der einzige offensichtliche Unterschied ist, dass spezielle Schrauben verwendet werden zur Sicherung der Stimmplatten. Es steckt viel Handarbeit im Instrument und es ist sehr angenehm zu halten, ohne scharfe Ecken oder Kanten. Die Deckel sind wie ich denke nickelfreie Stahlplatten.
Offensichtlich werden durch die geringe Auflagezahl von 1000 Stück Sammler mehr angesprochen als Spieler. Aber, rein als Musiker betrachtet ist es ein gutes Instrument.
Die 0,9 mm dicken Stimmplatten liegen gut und flach am Kanzellenkorpus. Die Toleranzen sind gut und die Stimmzungen sind gut angebracht. So ergibt sich alles in allem ein sehr gut spielbares Instrument. Die Bends sind gut und leicht und die Overblows im mittleren Bereich zwicken nicht. Zugegeben, ich habe schon einige Boomerangs gesehen, aber das ist die erste die ich spielen durfte und sie liegt überraschend angenehm am Mund. Der abgerundete Kanzellenkorpus schafft eine gute Fläche zum spielen, die Extra-Länge des Kanzellenkorpus links (mehr als doppelt soviel wie bei einem üblichen diatonischen Instrument) macht das "tongue-blocking" angenehm und die V-Form macht es nicht einmal für einen Anfänger schwer die 12 Kanäle zu beherrschen. Die Abstände der Kanäle sind deutlich weiter als bei einem Standard 10-Kanal Instrument, aber auch wieder nicht so weit wie bei einer Hohner 364 oder 365. Das Tuning ist recht gut, alle Oktaven klingen ohne Schläge. Es scheint ein leichtes „Compromise Temperament“ um A=445/446 zu haben, die Draw notes sind ein bisschen schärfer (für meinen Geschmack ein wenig zu scharf). Das Tuning scheint händisch gefeilt worden zu sein ohne die Stimmzungen zu sehr zu strapazieren.
Das 12-Kanal Tuning entspricht dem Standard bei 10-Kanälen in C, mit E und G als extra „blow notes“ in den beiden obersten Löchern und B und D als „draw notes“ hinzugefügt. Es wird dieses Instrument auch in A-Stimmung geben. Es sind sicher keine billigen Instrumente, was nicht überraschend ist, da ich mir vorstellen kann, dass die Herstellung nicht gerade billig war. So gesehen ist die Anschaffung letztendlich billiger als alte Originale in e-Bay zu erwerben, außerdem braucht man nicht fürchten sich mit einem gesprungenen Kanzellenkorpus, gebrochenen Stimmzungen oder 75 Jahre alten Holzkäfern herumschlagen zu müssen. Auch einfach als Sammlerstücke hinterlassen sie sicher einen sehr dekorativen Eindruck, auch für aktive Mundharmonikaspieler.
